„Obama der Weise“? Gedanken zu einer Neuinszenierung von Lessings Drama

Geschrieben von n.cheng Jun 24th, 2009 und gespeichert unter EMA KREATIV, EMA LIFE, Frisch getippte Highlights, Geistreich, Politisch und Sozial. Erhalten Sie alle Kommentare über RSS 2.0. Hinterlassen Sie zu diesem Eintrag eine Nachricht

obama_by_jeff_clarc_Nathan aktueller denn je

Lessing schrieb sein Drama „Nathan der Weise” in der Zeit der Aufklärung und des Humanismus als Aufruf zu Toleranz und Menschlichkeit. Das Kernstück ist die sog. Ring-Parabel, bei der die großen drei monotheistischen Religionen als gleichwertig eingestuft werden.
Obwohl seit der Uraufführung im Jahre 1783 inzwischen 226 Jahre vergangen sind, hat das Werk (leider) nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil haben sich die Auseinandersetzungen zwischen diesen Religionen immer mehr zugespitzt und die Situation ist scheinbar hoffnungslos verfahren.

Antisemitismus en vogue?

Eine Neuinszenierung von Nathan könnte in die heutige Zeit mit real existierenden Personen verlegt werden. Ganz aktuell gibt es alle handelnden Personen wie Nathan, der Tempelherr, Saladin und der Patriarch in ähnlicher Konstellation. Gemeinsam haben die meisten die Intoleranz. So erinnern die Aussprüche des iranischen Präsidenten fatal an die des Patriarchen: „Der Jude brenne”. Hier kann man auch die Zerstörung der weltberühmten Buddha-Statuen durch die Taliban nennen. Symbole für Intoleranz. Einige scheinen sie überwinden zu können, wenn auch zunächst auf gewissen Druck. Der israelische Präsident Netanjahu wäre ein Beispiel dafür.

Barack der Weise?

Nun ist Barack Obama zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden. Er scheint mir die Idealbesetzung des Nathan zu sein. Er könnte es schaffen, den gordischen Knoten im Nahen Osten zu lösen und damit einen der größten Krisenherde der Welt zu befrieden. In einer bemerkenswerten Rede am 4. Juni 2009 hielt er eine Grundsatzrede stellte neue „Spielregeln” für den Nahen Osten vor. Er unterstrich die unerträglichen Lebensbedingungen der Palästinenser und nannte als einzigen Ausweg eine Zwei-Staaten-Lösung. Da sein Wort durch sein Amt und durch das für Israel existenziell wichtige Bündnis mit den USA ein entscheidendes Gewicht hat, gibt es endlich Bewegung. Für den konservativen Ministerpräsidenten Israels, Netanjahu, sind seine jüngsten Zugeständnisse sogar etwas wie ein Quantensprung.Vielleicht kann man ihn am ehesten mit Saladin vergleichen, wobei er erst am Anfang des Weges zur Erkenntnis ist. Ein weiterer bedeutender Schritt wäre es, wenn es Obama durch seine weitere Politik schafft, die fundamentalistischen Islamisten zu isolieren. Die Taliban und Al-Kaida sind nur solange stark, solange sie Unterstützung aus der Bevölkerung haben. Obama könnte es gelingen, dem Terrorismus die Grundlage zu entziehen. Natürlich kann dies nur durch Zugeständnisse und Toleranz aller Seiten Aussicht auf Erfolg haben. Aber Obama ist dabei, die Basis zu schaffen. Man wird in den nächsten Monaten und Jahren sehen, ob er sich den Beinamen „der Weise” verdienen wird.

Von wegen wir sind stolz Papst zu sein…

Neben diesen weltpolitisch bedeutenden Dingen gibt es noch viele Beispiele religiöser Intoleranz. Sogar innerhalb der Religionen findet man scheinbar unüberbrückbare Gegensätze. Die katholische Kirche erkennt z.B. die evangelische nicht gleichberechtigt an. Und der jetzige Papst ist von der Wandlung des Tempelherrn weit entfernt. Ähnlich ist es bei den Sunniten und Schiiten, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Verfolgung von religiösen Minderheiten ist an der Tagesordnung. Aber vielleicht ist es möglich, eine religiöse Toleranz von oben nach unten zu schaffen, also zunächst die größten Probleme zu lösen. Nathan hat es durch Worte geschafft zu überzeugen und Einstellungen zu verändern. Obama hat neben der Wahl der richtigen Worte noch seine Macht als Präsident der USA, wobei er im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger verstanden zu haben scheint, dass militärische Macht allein nicht ausreicht, sondern im Gegenteil die Probleme verschärft. Aber losgelöst von allem politischen Machtdenken und -streben muss die Basis zum Frieden Toleranz und Moral sein.

Fazit: Lessings Drama ist aktueller denn je und seine Personen sind auch heute in jeder Religion zu finden.

Philip Vallery

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