Verloren und gefunden im Netz? Von Sucht und Sehnsucht im Internet

Geschrieben von besserscholz Sep 21st, 2009 und gespeichert unter Allgemeines, Click...Web 2.0, Leitthema, Ups & Downs, Zwischenmenschlich. Erhalten Sie alle Kommentare über RSS 2.0. Hinterlassen Sie zu diesem Eintrag eine Nachricht

Verloren oder gefunden im Netz? -

Von Sucht und Sehnsucht im Internet

„Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht“, sagt man.

liegende Frau mit LaptopGilt das auch für so etwas wie „Onlinesucht“ – wenn es sie denn überhaupt gibt?Welche “Sehnsucht” findet denn ihre Erfüllung im Internet? Und wieso kann diese Erfahrung abhängig oder sogar “süchtig” machen? Suchen Kinder und Jugendliche im Netz tatsächlich, was sie in der realen Welt (offenbar) vermissen? Fragen über Fragen…..

Fakt ist: Immer mehr Experten plädieren dafür, die „Internet-Sucht“ – ähnlich wie die Glücksspiel-Sucht und die Kaufsucht – in die Liste der sogenannten nicht-stoffgebundenen Süchte aufzunehmen, welche im ICD-10 (dem Internationalen Krankheits-Klassifikationssystem) geführt wird. Sie warnen vor dem hohen Suchtpotential, welches die übermäßige Nutzung des  Internets für Jugendliche bereit hält und suchen vermehrt nach – offensichtlichen und verborgenenen – Ursachen für die enorme Faszination von Online-Games und Online-Kommunikation.

Was versteht man eigentlich unter Onlinesucht?

Little boy looking above laptop screenUnter Onlinesucht versteht man einen zwanghaften, fast besessenen Drang, sich regelmäßig und  maßlos mit dem Internet zu beschäftigen, so dass sich allmählich der gesamte Alltag darauf konzentriert und alles andere – z.B. Schule oder Beruf, Familie, Freunde, Haustiere, Sport, Hobbys usw. – vernachlässigt wird.

Man kann verschiedene Formen von Internetsucht unterscheiden. Die einen wenden sich beispielsweise täglich stundenlang verschiedensten Formen von Online-Kommunikation zu (wie in Chat-Räumen und/oder über spezielle Email-Accounts bzw. Portale); die anderen ziehen Online-Games, vor allem Online-Rollenspiele vor (wie etwa „World of Warcraft“).

Manche Psychologen zählen die Onlinesucht zu den sogenannten „Verhaltenssüchten“. Das bedeutet, sie stabilisiert sich über „Belohnung“ und „Erfolg“ am PC, beispielsweise durch schnelle, positive Ergebnissteigerungen. Der erzielte Erfolg oder der erlebte Genuss wird immer öfter gesucht; man will immer mehr desselben – und findet es durch Ausweitung und Vertiefung der jeweils zugehörigen Internet-Aktivitäten. Oder besser gesagt, man glaubt im Grunde nur, zu finden, was man sucht;  denn zunehmend stellen sich dabei paradoxe Effekte ein: Man findet scheinbar viele „gute“ neue Freunde im  Online-Rollenspiel – und das kann sehr schön und beglückend sein! – aber das führt (schon allein durch die viele freie Zeit, die man im Internet zubringt) zum Rückzug aus der „Realwelt“ und im schlimmsten Fall zum Verlust vieler sozialer Kontakte und  „echter“ Freundschaften im wirklichen Leben.

Diese Erfahrung kann wiederum so frustrierend wirken, dass Betroffene dann erst recht immer öfter ins Internet abtauchen, wo sie scheinbar alle ihre Wünsche und Sehnsüchte im virtuellen Raum befriedigen können. Daraus kann sich leicht ein Teufelskreis entwickeln; die Betroffenen „hängen nur noch vor dem PC ab“ und flüchten auf diese Weise immer weiter aus der Realität.

Darin besteht vermutlich eine der größten Gefahren der Online-Sucht.

Ab wann schlägt Internet-Begeisterung in Onlinesucht um?

Online MeetingZwischen zielgerichteter, zeitlich begrenzter Internetnutzung (beispielsweise zur Recherche für Hausaufgaben oder Informationssammlung für Referate), deutlicher Internet-Begeisterung (wie z.B. bei Konferenzen mit Freunden im Chat-Room), missbräuchlichem Internet-Gebrauch (z.B. bei illegalem Konsum von Filmen) und unkontrollierter Onlinesucht gibt es viele Abstufungen. Auch muss man sicherlich noch genauer differenzieren zwischen den jeweils ausgewählten Internet-Angeboten und den jeweiligen Persönlichkeiten der Internet-Nutzer. Aber rein funktional betrachtet steht fest: Die Übergänge von maßvoller Internet-Nutzung zu täglicher Abhängigkeit von bestimmten Online-Aktivitäten oder sogar zu zügelloser Internet-Sucht bewegen sich fließend, manchmal leider auch schleichend.

Irgendwann kann der Punkt erreicht sein, an dem regelmäßige Online-Aktivitäten in Onlinesucht abzugleiten drohen. Dabei schwanken die Angaben darüber, ab wann – rein zeitlich betrachtet – Internet-Begeisterung in Internet-Sucht umschlägt. Jedoch besteht unter Experten ein Konsens darüber, dass mehr als 5 Stunden Internetnutzung täglich (in der Freizeit) auf jeden Fall ein deutliches Warnsignal für die Ausbildung von Online-Sucht darstellen. Ein weiteres Warnsignal sollte es sicherlich sein, wenn man merkt, dass man immer häufiger sehr viel länger als ursprünglich beabsichtigt im Netz geblieben ist – oder, wenn immer öfter der ausgiebige Besuch im Internet in der Folge zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen in der Schule oder zu Hause führt.

Ähnlich wie bei stoffgebundenen Suchtformen (z.B. der Abhängigkeit von Tabak, Alkohol, bestimmten Medikamenten oder Drogen) dauert es häufig lange, bis der Betroffene selbst merkt, dass er/sie tatsächlich „süchtig“ ist. Oft denken die Betroffenen, sie hätten immer noch alle ihre Netz-Aktivitäten unter Kontrolle und könnten jederzeit damit aufhören; während die Menschen in ihrer Umgebung schon lange gemerkt haben, dass das ein Trugschluss ist.

Welche Sehnsüchte stecken hinter Onlinesucht?

Young Toon Couple in First Love.With Clipping PathWelche Sehnsüchte jemanden im Innersten bewegen, kann eigentlich immer nur der jeweilige Mensch selbst sagen. Jedoch gibt es in Bezug auf die Ausbildung von Online-Sucht unter Jugendlichen die Vermutung, dass bei vielen die Sehnsucht nach Anerkennung und Erfolg, aber auch der Wunsch nach sozialen Kontakten, die im wirklichen Leben nicht verwirklicht werden (können), im Vordergrund steht.

Ein permanent erfahrener Mangel an Wertschätzung in der Familie oder im schulischen Umfeld etwa kann dazu führen, dass Jugendliche in virtuelle Welten ausweichen.

Es scheint, als ginge es manchmal sogar um die Ausbildung einer alternativen Identität, die über die eigenen (vermeintlichen oder realen) Unzulänglichkeiten, Ängste und Schwächen hinwegtrösten soll und  eine Lebendigkeit oder Zugehörigkeit simuliert, die in der Realität – aus verschiedensten Gründen heraus -  (noch) nicht erreicht werden kann.

Was ist beglückend an einer virtuell erworbenen Identität?

Internet RescueIm Netz erscheinen alle Menschen gleich – egal wie sie aussehen, welche Schulleistungen sie erbringen und aus welchen sozialen Verhältnissen sie stammen. Alle können durch Geschicklichkeit am PC, hohen zeitlichen Einsatz – und manchmal auch durch Zahlen bestimmter Account-Gebühren – in Online-Spielen Punkte sammeln und den Respekt ihrer Mitspieler einheimsen. Wer 7 Stunden täglich Punkte sammelt, ist der King (oder die Queen) und hat die soziale Akzeptanz aller MitspielerInnen, die ihm/ihr im wirklichen Leben möglicherweise verwehrt bleibt.

Alle können von allem, was sie bewegt – ohne sich selbst vom Ort weg zu bewegen – , schnell, bequem, preiswert und letztlich unverbindlich -  online erzählen und (vielleicht) sogar endlich einmal wirklich verstanden werden. (Wären da nicht die ewigen Quellen von Missverständlichkeit in der menschlichen Sprache. Ein Kommentar, nur locker dahin getippt, wie: „Du Knödel!“, verrät zum Beispiel nicht, wie der Absender das denn nun wirklich meint. Um zu wissen, ob das ein freundlicher, feindlicher oder neutraler Ausdruck ist, müsste man den Klang der Stimme, den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung des Absenders sehen bzw. ihn „live“ gut zu kennen. – So sind nicht immer alle wirklich zufrieden mit den Reaktionen auf  Probleme und Anfragen, die sie online kommunizieren ….aber trotzdem immer noch besser als beispielsweise einmal tatsächlich durch den Regen zu laufen, um Freunde zu treffen, die einsam sind, oder?)

Alle können ein Profil von sich ins Netz setzen, dass sie so zeigt wie sie gerne gesehen werden möchten. Jeder hat die Möglichkeit, sich online erst einmal unverbindlich „nett“ vorzustellen, vorteilhafte Fotos ins Netz zu stellen und abzuwarten, wie die anderen darauf reagieren. In allen weiteren Profil-Angaben ist es dann leicht, sich an den Erwartungen der anderen zu orientieren und sich den Vorgaben anzupassen, die aus ihren Reaktionen ableitbar sind. Schon entsteht eine attraktive allseits „kompatible“ Internet-Identität.

Sich finden und doch immer wieder neu suchen?

Alone or Together?Aber was, wenn man dann doch den Wunsch hat, die neuen Online-Freunde im wirklichen Leben zu treffen. Und man sieht doch etwas anders aus und/oder hat doch vielleicht einen anderen Charakter und andere Interessen als im Profil angegeben. Und was, wenn das bei den Internet-Freunden auch so wäre? Dann würde es richtig kompliziert, nicht wahr?

Und: Welche Identität soll denn dann gelten? Die Internet-Identität oder die reale?

Wo bleiben die Sehnsüchte nach Respekt, Freundschaft, Gleichheit und Akzeptanz dann? Auf der Strecke? Oder müss(t)en sie im wirklichen Leben vielleicht ganz anders neu gesucht und gefunden werden…

Man sagt, es seien vor allem die „Ängstlichen“ und die „Zurückgezogenen“, welche täglich viele Stunden im Internet surfen und dort auch Vorbilder und  Kontakte suchen. Liegt die Wurzel von Online-Sucht demnach in Einsamkeit und Orientierungslosigkeit? Sind wir vielleicht dabei, uns zu verlieren?

Dann würde ich mir reale Menschen wünschen, um hier und heute gemeinsam dagegen anzugehen…

Birgit Besser-Scholz

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