Jahrgangsstufe 11: Praktika – Praktika – Praktika

Geschrieben von n.cheng Okt 12th, 2009 und gespeichert unter Allgemeines, Aufgepasst, EMA LIFE. Erhalten Sie alle Kommentare über RSS 2.0. Hinterlassen Sie zu diesem Eintrag eine Nachricht

Glückskeks_Praktikum

In der Jahrgangstufe 11 steht am EMA das Berufspraktikum an.

Hier erfahrt ihr vom letzten 11er Jahrgang, wie das Praktikum bei einem bekannten Orgelbauer aussehen kann (Angelo Deutsch macht seine Erfahrungen als Orgelbauer), was die EED (Henrik Monses lernt den Bereich Entwicklungshilfe kennen) ist und welchen Herausforderungen man sich im Bereich der Hospizarbeit (Ewa Strubelt Im Hospiz) stellen muss. (Klickt einfach auf die markierten Links).

Viel Spaß beim Lesen!

Ohnmächtig in der Neurochirurgie der Uniklinik Bonn?

Niklas Schmacke

Erwartungungen und Befürchtungen

Mein Praktikum habe ich in der Neurochirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Bonn, auf Station, nicht im Ambulanzdienst, durchgeführt. MRT_by_Dieter-Schütz_pixelio

Weil ich bereits vorher wusste, dass ich täglich um acht Uhr anzufangen und um vier Uhr in die Spätbesprechung zu gehen hatte, habe ich mich auf ein stressiges und teilweise langwieriges Praktikum eingestellt. Außerdem, da es sich um ein Krankenhaus handelte, dachte ich mir vorher ich würde viel Interessantes sehen, aber nur wenig selbst machen. Weil ich auch selbst darüber nachdachte Medizin zu studieren, und wenn, dann auch Neurologe oder Neurochirurg zu werden, habe ich mir vor allem jedoch eine gute Hilfe bei der Wahl des Studienfachs durch einen Einblick in den Arztberuf erhofft. Besteck_by_www.JenaFoto24

Schließlich wollte ich ungedingt eine Operation sehen, auch um herauszufinden ob ich dabei umkippen würde. (Was ich im Vorhinein befürchtet, und dort auch von einigen Ärzten gehört habe.)

Praktikumsverlauf

Als erstes werde ich einen exemplarischen Tagesablauf schildern, um dann zum Praktikum insgesamt einige Einzelheiten aufzählen und einordnen zu können. Schließlich werde ich ein paar Dinge noch genauer beschreiben.

Wie weiter oben bereits erwähnt, musste ich um acht Uhr im Foyer der Klinik stehen um die Ärzte in ihre Frühbesprechung um acht Uhr zu begleiten. In dieser Besprechung werden komplizierte und interessante Fälle der Einzelnen Stationen (es gibt insgesamt 4 im in diesem Krankenhaus; Intensiv-, Dritte -, Vierte -, und Privatstation) jeweils mit MRT[1] oder CT[2] Bildern von einem Arzt erläutert und von den Oberärzten kommentiert.

Arzt_by_Michael-Bührke_pixelioNach der Frühbesprechung (gegen halb neun) begeben sich alle Ärzte auf ihre Stationen und erledigen einfache Sachen und Papierkram sowie Anrufe. (Konsile[3] anmelden, intravenöse Zugänge legen, Medikationen verändern…) Danach gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Arzt (Anm. d. A.: Der Arzt mit dem ich meine Erfahrungen gemacht habe war fast jeden Tag ein anderer, wechselnd zwischen drei Personen, je nachdem was ich machen wollte) hat Stationsdienst und kümmert sich daher weiter um Patienten, sieht sich Bilder an und kontrolliert Befunde bzw. stellt sie auf, nimmt Patienten auf (pro Tag ca. zwei neue) oder führt Patientengespräche (Aufklärung über Operation o. Ä.). Oder der Arzt ist für eine Operation eingeteilt und wird im laufe des Vormittags angepiept und geht in den OP. Ich habe demnach dieselben Möglichkeiten, und habe mich für beide gleich oft entschieden.

Im Stationsdienst habe ich meist Ärzte bei der Visite begleitet und dabei Krankheitsbilder erklärt bekommen, MRT1-Bilder aussortiert (alte, ohne Befunde raus), Blut-, und Liquor[4]proben durchs Krankenhaus (oft an die Pforte, zur Abholung fürs Labor) getragen, mich daran versucht selbst Patienten aufzunehmen und bei einer Patientin die Klammern gezogen mit denen die Wunde nach der OP verschlossen wird.

Mittagspause habe ich gemacht wenn kurz nicht viel zu tun war und nach ca. einer halben Stunde habe ich weitergemacht. Mein Tag endete immer mit der Spätbesprechung, freitags mit anschließender Visite mit allen Oberärzten, um 16.00. (Die Besprechung dauerte immer recht lange, war aber sehr informativ.)

An Tagen mit interessanten Operationen (Anm.: Bei RückenOPs konnte ich leider nie zusehen, da dort Röntgengeräte zum Einsatz kommen und ich als minderjähriger Praktikant keiner Strahlung ausgesetzt werden durfte.) bin ich mit einem operierenden Arzt zusammen in die Umkleide gegangen und habe mir blaue, sterile Klamotten, einen Mundschutz und ein Haarnetz, sowie steril gewaschene Schuhe angezogen. Da der OP wegen eines Umbaus in der Neurochirurgie zusammen mit der Intensivstation nur eine halbe Etage einnimmt, und er zurzeit nur provisorisch ist, ist der Platz außerhalb der Säle beschränkter, sodass viele Geräte (Mikroskope, Navigatoren[5], Bildschirme…) oft weit geschoben werden müssen.

Betritt man nun den OP, so hat man fünf Säle zur Auswahl. Sollte man vergessen haben zu gucken wo die OP stattfindet, so zeigt einem ein auch dort stehender PC den OP Plan und zeigt einem per Farbcode ob die angezeigten OPs vorbereitet werden, laufen, abgebaut werden, fertig sind oder abgebrochen wurden. (OPs werden abgebrochen wenn Patienten nicht auffindbar, nicht nüchtern o. Ä. sind). Betritt man dann den Saal, so sind bereits der voll narkotisierte Patient, ein Anästhesist, einige OP-Schwestern, der oder die Schwester die die Instrumente angeben wird (als einzige(r) schon komplett steril gewaschen, mit Handschuhen und grünem Kittel), oft einige Zuschauer und helfende Ärzte anwesend.

Als Vorbereitung für die Operation gilt es vor allem die folgenden Dinge zu tun:

- den Kopf des Patienten in die völlig unbewegliche Mayfield-Klemme einspannen,

- den Patienten mit Gelkissen entsprechend des Eingriffs lagern,

- Wasser, Instrumente, Tupfer u. Ä. bereitstellen,

- die beiden operierenden Ärzte nach dem Händewaschen anziehen (Handschuhe, grüner Kittel)

- Den Patient abdecken (Alles was nicht operiert wird wird mit grünen Tüchern abgedeckt und der Bereich an dem operiert wird wird, damit die haut nicht reißt und voll blutet mit einer klebenden Folie bedeckt.)

- einige Hocker steril abdecken

- Geräte holen

- die Tische mit den Instrumenten um die angebende Schwester gemäß der Seite auf der operiert wird positionieren

Sind die beiden operierenden Ärzte anwesend, geht alles relativ schnell. Das Radio läuft, der 1. Operateur schneidet und der 2. saugt ab. Ist der Schnitt gemacht wird die Wunde aufgespannt und die weiße Schädelplatte ist sichtbar. Nun benutzen die Ärzte einen Bohrer mit knapp 1 cm Durchmesser der automatisch aufhört zu bohren wenn kein Druck von unten kommt und bohren 4-5 Löcher in die Schädelplatte. Diese werden nun mit Sägeschnitten verbunden. Dann wird die Schädelplatte herausgehoben und steril gelagert. Man sieht nun die weiße, ledrige Dura[6]. Diese wird wiederum aufgeschnitten und am Knochen in kleinen Löchern festgenäht[7]. Darunter kommt die trübe Arachnoida[8] zum Vorschein. Auch sie wird aufgeschnitten. Jetzt sieht man das Gehirn mit mindestens fingerdicken rosanen, in der Öffnung schwach pulsierenden Windungen. Sie sind von dicken und feinen Adern eingefasst und durchzogen. Jetzt wird meistens der Operateur ausgetauscht und ein erfahrener Arzt übernimmt. Zum entfernen von Hirngeweben benutzt man die sog. CUSA[9] Apparatur.

Meistens wird nach 60-90 min. mit der Resektion begonnen. Diese dauert bis zu 4 Stunden und wird mithilfe eines Mikroskop über dem kopf des Patienten durchgeführt. In großen Stücken entnommenes Gewebe wird in sofort in Döschen verpackt, beschriftet und in die Pathologie oder Neurologie weitergereicht, da Studien und Untersuchungen an lebendem Hirngewebe sehr wertvoll sind. Dieses hat einen Bildschirm sodass mehrere Leute zusehen können.

Am Ende verschließt der vorherige Operateur die Wunde wieder.

Auch nach einer solchen Operation habe ich meine Pause gemacht, da man dabei ziemlich Hunger bekommt.

So verlief der Tag meistens, sodass ich, da ich auch während der Operation von vielen (auch den operierenden) Ärzten einiges erklärt bekam, sehr lehrreich.

Viel mehr als ich erhofft hatte…

Ich habe viel vom Praktikum erwartet, und diese Erwartungen wurden weit übertroffen. Es gab zwar Phasen in denen wenig zu tun war, allerdings konnte ich notfalls immer an einem Computer Krankheitsbilder und Begriffe recherchieren. Ich hatte viel zu tun und habe alles gesehen was ich sehen wollte. Außerdem habe ich mehrere Operationen völlig ohne Unwohlsein überstanden. Die Ärzte dort konnten mir neben fachlichem auch einiges über den beruf und das Studium erzählen. Ich habe daher eine weitgehende Sicherheit erlangt, dass das Medizinstudium zwar hochinteressant ist,  und man als Mediziner auch Forschergruppen leitet und ich durchaus Spaß daran finden könnte, ich jedoch nicht so viel mit Menschen machen will. Weiter hat der Beruf ein nicht unerhebliches Risiko und ist als solches nicht sehr abwechslungsreich. Wollte ich Arzt werden, dann auf jeden Fall Neurologe oder Neurochirurg. Um beides wirklich sicher (ablehnend) entscheiden zu können werde ich bestimmt noch einmal ein freiwilliges Praktikum im Neurozentrum der Uniklinik absolvieren.

Außerdem hat mir ein Arzt von einem Beruf im Gesundheitswesen generell abgeraten und die Arbeitszeiten eines Arztes sind teilweise ziemlich heftig (Dienst an 2 von 3 Wochenenden).

Fazit: Das gesamte Fachgebiet der Neurowissenschaften wird mit Sicherheit einmal meinen Arbeitsbereich stellen. Allerdings eher weniger auf der angewandten als auf der forschenden Seite. Ich könnte mir z. B. vorstellen, einmal die Wirkung der inhibitorischen Synapsen und das Gedächtnis des Menschen zu erforschen.


[1] Magnet Resonanz Tomographie, ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Gehirnmasse und Sichtbarmachung von Tumoren, Liquorkissen (Als Liquor bezeichnet man das Nervenwasser, welches Hirn und Rückenmark umgibt), Blutungen etc. Ferner kann man per MRT epileptogene Areale des Gehirns ausfindig machen.

[2] Computer Tomographie, ein Röntgenverfahren zur Lokalisierung oder Diagnostizierung von Ähnlichen Dingen wie das MRT, allerdings keiner epileptogenen Areale verwendet. Eine CT Bildgebung ist schnell und findet vieles, allerdings ist sie im Gegensatz zum MRT strahlenbelastend.

[3] Als Konsil bezeichnet man das Anfordern eines Facharztes aus einer anderen Klinik zur Diagnose einer Nebenkrankheit oder zur Beurteilung eines Befundes

[4] Liquor ist das Nervenwasser welches  das Zentrale Nervensystem umgibt. Liquorproben werden z. B. per Lumbalpunktion entnommen und dann auf ihre Zellzahl (Liquor ist eine Zellflüssigkeit) hin getestet.

[5] Ein Navigator  besteht aus einem Computer, einer Stereokamera, einem Dreieck aus Reflektorkugeln und einem Metallstift. Der Computer hat alle MRT Scans des Patienten gespeichert. Zeigt man nun mit dem Stift auf einen Punkt am kopf des Patienten, so ermittelt der PC mittels Kamera und dem fest befestigten Kugeldreieck die Position des Stiftes und zeigt einem den Scan des Gewebes darunter. So kann man bei komplizierteren OPs mit Tumoren genauer operieren.

[6] harte Hirnhaut

[7] Die Fäden lösen sich mit der Zeit auf

[8] Weiche, dünne „Spinnenhaut“

[9] CUSA EXcel ist eine einfache Saug- und Spüleinrichtung, die man auf verschiedene Stärken konfigurieren kann. (Compact Ultrasonic Surgical Aspirator)

Sie nutzt Ultraschall zur schnellen und klaren Dissektion des Gewebes

Kategorien: Allgemeines, Aufgepasst, EMA LIFE
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