Die „Körperwelten-Ausstellung“ in Köln: Vernetzt fürs Leben?

Geschrieben von n.cheng Dez 14th, 2009 und gespeichert unter Allgemeines, EMA LIFE, Frisch getippte Highlights. Erhalten Sie alle Kommentare über RSS 2.0. Hinterlassen Sie zu diesem Eintrag eine Nachricht

Auf der Pressekonferenz der Körperwelten-Ausstellung in Köln

Körpwerwelten_Körperspende_ema_magazinAm 15. November 2009 wurde unser Onlinemagazin, wie viele andere Schülerzeitungen auch, zu der Ausstellung „Körperwelten“ in Köln eingeladen. Es gab eine Pressekonferenz, Rundgänge und “Experten”-Interviews. Medizinstudenten oder angehende Ärzte standen für die Fragen der Besucher zur Verfügung. Zu unserer Verwunderung war es – auf den ersten Blick – gar nicht so abstoßend, wie wir erwartet hatten. Dadurch, dass den Plastinaten, den dort ausgestellten leblosen Körpern, meistens am ganzen Körper die Haut entfernt wurde, das Gesicht aber meist noch menschliche Züge hatte, wurde der sehr schmale Grat zwischen Menschlichem und Abstraktem getroffen, den wohl kaum ein Besucher realisierte. Und dennoch entging dem aufmerksamen Beobachter nicht, wie angetan die meisten Menschen waren. Wohl kaum einen ließ die Ausstellung „kalt“.

Verlust unserer Unschuld?

Eine der unzähligen Fragen, die uns während des U-förmigen Rundgangs durch die Ausstellung nicht mehr aus dem Kopf ging, war, ob wir in gewisser Weise mit dem bewussten Betrachten dieser bizarr dargestellten verstorbenen Menschen, nicht unsere „Unschuld“ im Umgang mit den Themen Tod und Sterben verlieren. Gilt es nicht doch die „Totenruhe“ zu respektieren? Geht man, sobald man den Raum der „Körperwelten“ betritt, genau einen Schritt zu weit? Bis heute, unser Ausflug ist jetzt gut 12 Tage her, sind wir uns darin nicht ganz einig. Tote in seine kleinsten Einzelbestandteile zerlegte menschliche Körper so eingehend zu betrachten, wie wir es unter anderem getan haben, hinterlässt Spuren. Nachhaltige Eindrücke bleiben. Und dies ist auch von den Ausstellungsmachern gewiss beabsichtigt. So erinnert man sich beispielsweise an den plastinierten Torwart, der im Sprung versucht, den Ball mit der rechten Hand zu fangen, während er in der linken Hand ganz lässig seine inneren Organe hält. Dieses Bild wird man so schnell nicht los. Körperwelten_Torwart_Ema_Magazin

Plastinierte Lebensweisheiten

Irritierend sind auch die philosophischen, emotionalen und poetischen Zitate (z. B. Man sieht zwei Paralympics-Radler: “Glück ist kein Geschenk der Götter. Es ist die Frucht einer inneren Einstellung.” (E. Fromm). Man sieht eine Mutter in  glücklicher Umarmung mit einem Kind:  “Der Geist wird reich, durch das, was er empfängt, das Herz durch das, was es gibt.” (V. Hugo) die, versehen mit großen Bildern von (noch) lebenden Menschen an den Zwischenwänden des „Leichenschauhauses“ zu finden sind. Denn diese Sprüche beschreiben Gefühle, Gedankengänge und Ängste, die nichts, rein gar nichts, mit leblosen bearbeiteten Körperhüllen bereits verstorbener Menschen zu tun haben. Welche Funktion haben diese Lebensweisheiten in einem solchen Ausstellungsrahmen? Seelischer Weichspüler für den Ausstellungsbesucher, damit die eigentliche Härte des Körperspektakels aufgeweicht wird? Bloß nicht realisieren, was sich einem da wirklich zeigt, aufkeimender moralischer Empörung mit philosophischen Lebensweisheiten entgegenwirken – vielleicht nicht die schlechteste ausstellungspsychologische Strategie.

Müssen es Menschen sein?

Irgendwann stellt sich einem dann doch die nahe liegende Frage: Mussten es wirklich echte Menschen sein? Hätte man nicht genauso gut auch täuschend echte Nachbilder aus Plastik erstellen können? Die Antwort ist bedauernswert, aber sehr wahrscheinlich wahr. Nein, das würde nicht gehen. Natürlich nicht. Dies macht schließlich den spezifischen Reiz der Körperwelten aus: Welcher vielleicht ein wenig sensationshungrige Besucher würde sich schon Körperplastiken anschauen?

Medizinisches Interesse oder reine Schaulust?

Und das ist das Problem: wir sind es – mit unserer Sensationsgier – schlichtweg selbst. Der immer wieder etwa von Ausstellungsassistenten hervorgehobene Sinn dieser Ausstellung sei das Wissensinteresse. Die Ausstellung, so gab eine von uns befragte Medizinstudentin an, erfülle einen aufklärerischen Anspruch und diene der Medizin- und Anatomieinteressierten Bevölkerung. Es bleibt widersprüchlich: Warum produziert man etwa auf ästhetische Weise makabere Darstellungen des menschlichen Körpers? Was für einen Sinn hat es einen toten Körper einer Frau in die Haltung einer Flamencotänzerin zu verbiegen?

Körperwelten_Flamenco_Taenzerin_Ema_Magazin

Welchen Erkenntnisgewinn erzielt man, nur um sich die Muskeln bei einer solchen Position anschauen zu können? Die medizinische Aufklärung steht nur vermeintlich im Vordergrund. Gut. Wieso reicht es dann nicht, wenn jede Universität an der man Medizin studieren kann mehrere Plastinate zur Verfügung hat und ihren Studenten im kleinen Kreis vermittelt, dass das Herz am Tag ca. 7000 l Blut in Umlauf bringt und wie die Muskelstränge und Arterien verlaufen und den Menschen für das Leben vernetzen?

Der wohl verstörenste Bereich der Ausstellung ist aber jener, in dem Vitrinen mit menschlichen Föten verschiedenster Stadien zu betrachten sind. Darüber steht an die Wand gedruckt und kaum übersehbar in geschwungenen Lettern sinngemäß: „Der Beginn des Lebens“. Paradox: Körper, die leblos sind werden mit dem Beginn des Lebens in Beziehung gesetzt. Tote, in Form gebrachte Entwicklungsstadien des Embryos bis hin zum Säugling in Vitrinen zu stecken und dies den „Beginn des Lebens“ zu nennen, erscheint erstaunlich zynisch! Zynischer aber noch scheint es, dass es den meisten Besuchern nicht so recht auffallen mag.

Seit Ewigkeiten ist der Mensch neugierig, will alles wissen, sehen, erfahren, von dem er hört. Jeder Fleck unserer Erde will entdeckt werden. Jeder muss irgendwann einmal in Amerika, Asien und Afrika gewesen sein. Und natürlich will der Mensch auch jede Arterie seines Körpers sehen können. Anhand von realen Körpern, Körper, die mal Menschen waren. Diese Ausstellung regt die „niedrigsten“ Instinkte des Menschen an. Unweigerlich entstehen Assoziationen zum Nationalsozialismus. Zum Beispiel die medizinischen Experimente in den Konzentrationslagern, die von nicht minder wissbegierigen Ärzten durchgeführt wurden. Wie nur schafft man es, dem Menschen etwas an sich so Abscheuliches schmackhaft zu machen? Stellen die Körperwelten womöglich eine Topographie des Grauens dar, die von keinem bemerkt wird?

Der absolute Publikumsmagnet der Körperwelten ist das anatomische Kabinett (Zutritt ab 16 Jahren). Gebannt starrt das Publikum auf die einzelnen Muskeln eines Menschen beim Sexualakt. Wer also gerne zwei tote Menschen in bizarrer Pose im vermeintlichen Liebesspiel vereint sieht, der scheint im anatomischen Kabinett gut aufgehoben zu sein.

Am Ausgang zur Vorhalle der Körperwelten ist ein Gästebuch zu finden, in dem Statements abgegeben werden können. Und gleich daneben liegen massenhaft Broschüren über eine ebenso erwünschte Körperspende. Uns scheint in diesem Augeblick unvorstellbar, dass sich jemand freiwillig bereit erklären könnte.


J. Schlüsener, L. Reisch

1 Antwort zu “Die „Körperwelten-Ausstellung“ in Köln: Vernetzt fürs Leben?”

  1. Lynn Kristin Schroeter sagt:

    Hey ihr zwei,
    echt gut geschrieben und viele gute Fragen und Anregungen!! :)

Hinterlassen Sie eine Antwort

DIE EMA

Kategorien

Leitthema

Anmelden / Advanced NewsPaper by Gabfire Themes